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Sächsische Zeitung, 8. Januar 2008


Sächsische Zeitung
Dienstag, 8. Januar 2008


Haut aus Haaren
Von Katlen Trautmann


Diabetiker und Raucher plagen sich häufig mit sogenannten „offenen Beinen“. Ihre Schenkel zeigen kaum heilende Hautareale, die nässen und schmerzen. Mit künstlich gezüchteter Haut lassen sich solche Stellen heilen. Die Leipziger Firma Euroderm GmbH und das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) Leipzig stellen solche Kunsthaut aus sogenannten adulten – erwachsenen – Stammzellen her. „Die künstliche Haut wächst narbenfrei an“, sagt Euroderm-Geschäftsführer Andreas Emmendörffer.

Das Verfahren klingt futuristisch: „Wir zupfen den Patienten Haare am Hinterkopf aus und gewinnen daraus adulte Stammzellen“, erklärt Emmendörffer. Entscheidend dabei ist nicht der Haarschaft, sondern, was daran klebt. „Wir machen uns zunutze, dass an der Haarwurzelscheide kurz unterhalb der Kopfhaut Zellen haften“, beschreibt Sabine Krüger von Euroderm die Methode.

Brutschrank im Reinraum

Stammzellen sind beinahe Alleskönner. Ihre Rolle im menschlichen Organismus ist nicht von vornherein festgelegt. Sie übernehmen die verschiedensten notwendigen Funktionen. Das unterscheidet sie von den spezialisierten Zellen, die sich nur – wie ihre jeweiligen „Nachbarn“ – zu Teilen eines bestimmten Organs entwickeln können.. Im Brutschrank vermehren die Euroderm-Biologen die Stammzellkulturen etwa zwei Wochen lang unter höchst sauberer Atmosphäre. Diese finden sie im Reinraum am IZI, der nach Angaben der Fraunhofer-Gesellschaft dem neuesten Stand der Technik zur Herstellung von Zelltherapeutika entspricht,

Nach dieser Zeit reduziert sich die Nährflüssigkeit so weit, dass die Oberseiten der Zellen mit der Luft in Verbindung kommen. Emmendörffer schildert, was das bewirkt: „Durch den erhöhten Druck, den der Sauerstoff auf die Oberfläche ausübt, differenzieren sie sich zu Hautzellen.“

Läppchen von rund einem Quadratzentimeter Fläche entstehen auf diese Weise. „Wir bedecken damit mosaikartig die Wunde“, erläutert Krüger. Für zehn Quadratzentimeter brauchen Mediziner sechs Stück, für die doppelte Fläche zwölf Teile und so fort. Bis zu 100 Quadratzentimeter neuer Oberhaut puzzlen sie auf diese Weise. Der Eingriff erfolgt ambulant. Bei sieben von zehn Patienten verwächst das neue Gewebe komplikationslos mit dem alten – ohne Operation und Schmerz. Nach 72 Tagen sei es nicht mehr von gesunder Haut zu unterscheiden. Krüger unterstreicht: „Unsere Zielgruppe sind Menschen mit flachen Wunden.“

Gleiche Heilungschancen

Bisher transplantieren Ärzte bei chronischen Wunden Eigenhaut, die sie dem Patienten in der Regel am Oberschenkel entnehmen. Sowohl am Bein als auch an der Wunde blieben Narben. Mit dem neuen Verfahren bestünden ohne Operation gleiche Heilungschancen wie bei der herkömmlichen Methode, bestätigt Emmendörffer. Das Verfahren basiert auf einer von den Schweizern Thomas Hunziker und Alain Limat entwickelten Methode. Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Partner mit der Universität Leipzig würdigte die Industrie- und Handelskammer Leipzig vergangenes Jahr mit einem Innovationspreis von 10000 Euro.

Bei den Eingriffen arbeitet Euroderm derzeit hauptsächlich mit den Universitätskliniken Dresden und Leipzig zusammen. Mehrere Hundert Patienten wurden laut Krüger bereits behandelt. Die Kassen übernehmen die Kosten mitunter. „Der Basiseingriff kostet für Selbstzahler 2500 Euro“, sagt Krüger. Pro zehn Quadratzentimeter kommen weitere 500 Euro dazu. Schätzungen zufolge leben vier Millionen Deutsche mit offenen Wunden.

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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