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Sächsische Zeitung am Sonntag

Was bewegt Menschen, für die Sachsen zur zweiten Heimat geworden ist? Die sich den Blick von außen“ bewahrt haben? Der irische Architekt und Licht-Designer Ruairí O’Brien zog vor über einem Jahrzehnt in den Freistaat. Das von ihm entwickelte mobile Erich Kästner Museum hat ihn schlagartig über die Grenzen Sachsens bekannt bemacht. Die Sächsische Zeitung am Sonntag sprach mit O’Brien über Arbeit, Leben, Kreativität und darüber, wie er die politische Situation im Freistaat 15 Jahre nach der Wende sieht.

Sie bauen den deutschlandweit einzigen internationalen Master-Studiengang für Licht-Design auf, leiten ihn und arbeiten als Architekt. Welche Rolle spielt Politik bei Ihrer Arbeit?
„Als Architekt kämpft man oft gegen Kleingeistigkeit, will man Visionen durchsetzen. Neue Projekte wecken oft Ängste und Widerstand. Beides muss man aushalten und überwinden. Ohne Widerstand würde die Kreativität verkümmern.“

Beim Bau des Micromuseums für Kästner hat Ihnen der Gegenwind heftig ins Gesicht geblasen. Der Widerstand ist Begeisterung gewichen. Warum setzen sich innovative Ideen oft nur zäh durch?
„Wir haben einige Probleme in der Gesellschaft. Herausragende Leistungen werden oft nicht geduldet. Lieber schön zusammen bleiben, heißt es. Egoismus manifestiert sich in Leuten, die gar nicht so talentiert sind. Ohne Talent - das spüren sie - fehlt ihnen echtes Mitspracherecht. Sie finden es deshalb besser zu blocken, als selbst etwas anzuschieben.“

Plädieren Sie für mehr Bescheidenheit bei Entscheidungsträgern?
„Mehr Sinn fürs Machbare. Bei vielen Themen kommt außerdem eine übergroße Sehnsucht nach Perfektion hoch. So genannte „unvollständige“ Sachen, die vielleicht noch bis an Grenzen gehen, halten viele Leute für eine Anmaßung. Dabei sind diese am spannendsten. Die perfekte Sammlung oder Entscheidung gibt es ohnehin nicht.“

In Dresden wird seit zehn Jahren über den Bau einer einzigen Brücke diskutiert. Der Widerstand wächst mit den Jahren eher. Fördert die Debatte die Kreativität?
„Die Diskussionen in der Demokratie werden mitunter falsch verstanden. Das Blocken vieler Projekte ist kein Ausdruck von intelligenter Auseinandersetzung, sondern Angst vor Veränderung.“

Die Angst vor Veränderung hat knapp zehn Prozent der Sachsen zur Landtagswahl nicht von der Wahl der Rechten und damit einem Wechsel der politischen Lager im Landtag abgehalten. Wo liegt der Widerspruch?
„Die Aufarbeitung des Dritten Reiches scheint auch in der DDR lückenhaft gewesen zu sein. Ein Teil des Problems heißt Intoleranz. Die Leute fürchten sich vor zeitgenössischer Musik, Grafitti, Museen, unbekannter Kultur. Von da ist der Schritt zur Ablehnung fremder Menschen klein.“

Ist nach Ihrer Ansicht jeder zehnte sächsische Wähler ausländerfeindlich?
„Ich glaube, die Art und Weise, wie in Sachsen über Identität geredet wird, ist falsch. Sie hat mit dem Problem zu tun. Wird Identität derart starr wie hier betrachtet, braucht man sich nicht darüber zu wundern, wenn andere Leute dieses psychische Gerüst okkupieren. Hinzu kommt, dass die Leute sich keine Phantasie zutrauen. Sie wollen lieber fertige Lösungen für ihre Probleme. Auch das machen sich Neonazis zunutze.“

Bürgerliche Parteien und Vereinigungen gaben sich nach der Wahl überrascht und haben Notprogramme gegen die Neonazis ausgerufen. Liegt darin der Stein der Weisen?
„Politiker können uns in dieser Situation wenig helfen. Viele aktuelle Aktionen sind oberflächlich. Was nützt es, schnell eine Schule in der Sächsischen Schweiz aufzusuchen und mit den Kindern zu reden? Wenig. Die Menschen müssen sich selbst und gegenseitig stark machen gegen rechts. Wichtig wäre, Toleranz auf ein breiteres Fundament zu stellen, beispielsweise in Kunst und Kultur. Wenn das gelingt, dann würde die Luft für Leute aus dem rechtsradikalen Lager schnell dünn werden.“


Sie beschreiben das Erich Kästner Museum als Metapher für die Gesellschaft. Welche Ideen können Besucher mitnehmen?
„Das Museum ist Sinnbild universellen Wachstums, des Themas des Lebens schlechthin. Jeder Mensch soll von sich Wachstum und Entwicklung fordern. Das ist manchmal schmerzhaft. Das Museum ist auch eine Metapher zum Umgang mit Problemen. Es will die Menschen zu Selbstverantwortlichkeit und Eigeninitiative ermuntern.“

Mit welchen weiteren Projekten rütteln Sie an Denkmustern?
„In Zeithain entstand im Ehrenhain für Sowjet-Soldaten in einer NS-Baracke ein weiteres Mikromuseum. Fotos zeigen das Zivilleben der Gefangenen - vor dem Krieg. Solche Bilder gibt es im dem Stil erstmalig in Deutschland. Ein zweites Projekt ist die „Betonzeitschiene“, das Plattenbau-Museum Dresden, die mahnt: Wenn wir uns nicht formen, tun es andere, bis alles hart wie Beton ist.“

Woran arbeiten Sie derzeit?
„Für den kürzlich in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau entsteht eine neue Sonderausstellung. Sie beschreibt die Beziehung zwischen dem Fürsten und seiner Frau, die eine für die damalige Zeit sehr aufgeklärte Ehe führten. Die Schau ist das größte Ausstellungsprojekt der Park-Stiftung seit ihrer Gründung.

Eine Ausstellung in Berlin bewegt derzeit die Gemüter in Deutschland. Die Familie Flick hat im zweiten Weltkrieg durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern ein Vermögen gemacht. Eine von diesem Geld gekaufte Kunstsammlung eines Erben wird derzeit in Berlin gezeigt. Ist das angesichts der erstarkenden Neonazis richtig?
„Nein. Es besteht die Gefahr, das Verbrechen der Zwangsarbeit zu relativieren. Flick versucht, der Geschichte zu entkommen. In der Berliner Schau findet keine Auseinandersetzung dazu statt. Die Kunstwerke können nicht aus dem Kontext gelöst werden und ich bezweifle, ob man sie darin genießen kann.“

Befürworter der Schau betonen deren künstlerischen Wert jenseits der politischen Debatten. Haben sie Recht?
„Alle darin gezeigten Künstler waren mit ihren Werken schon auf anderen Expositionen zu sehen. Der künstlerische Wert der Sammlung ist darum nicht derart überragend, dass alle Fragen verstummen sollten. Die Gesellschaft müsste besser in der Lage sein zu sagen: Diese Kollektion brauchen wir nicht.“

Die Fragen stellte Katlen Trautmann

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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