Fenster schließen
  Drucken
 

Dresdens unbekannte russische Gemeinde - Pendler zwischen Kulturen
Von Katlen Trautmann, dpa

Dresden (dpa/sn) - Pelmeni, Borschtsch oder Stör locken auf der Menükarte des «Stroganoff» die Gäste. In der Küche brutzeln russische Köche slawische Spezialitäten. Russische Familien feiern in dem Lokal mit dem Namen einer sibirischen Kaufmannsfamilie gern Kindstaufe oder Hochzeit - Russische Lebensart hat in Dresden Einzug gehalten.
Dafür sorgen vor allem deutsche Spätaussiedler aus Russland. Der Herkunft nach sind sie Deutsche, deren Vorfahren vor Jahrhunderten in die Dienste russischer Zaren traten. Im Laufe der Zeit passten sich die «nemezkye sheloweki» den Sitten ihrer russischen Heimat an.
Ihren Nachkommen fällt die Rückkehr in die «alte Heimat» Deutschland schwer. Der Alltag birgt oft mehr Schwierigkeiten, als die Erzählungen der Altvorderen ahnen ließen. «Vor allem junge Leute sind vom Leben in Deutschland oft bitter enttäuscht», sagt Maria Schieferdecker-Adolph, Dresdens Ausländerbeauftragte. Oft hinderten Sprachprobleme und fehlende Arbeit die Pendler zwischen den Kulturen an der Ankunft in der neuen Heimat.
Integrationsstellen von Diakonie, Bürgerinitiativen und das Deutsch-Russische Kulturinstitut geben Hilfe in Form von Kursen oder Beratungen. «Nur wenige Eltern unter den Übersiedlern erkennen den Wert der Zweisprachigkeit für ihre Kinder», beklagt jedoch Wolfgang Schälike vom Kulturinstitut. Oft würden sie sich sogar ihrer Herkunft schämen. Zudem blieben die Übersiedler meist unter sich. «In den Stadtteilen Prohlis und Gorbitz bilden sich richtige russische Siedlungen», schildert die Ausländerbeauftragte. Niedrige Mieten und bereits früher übergesiedelte Landsleute übten eine starken Sog aus. Sie sieht den Rückzug auch als Zeichen dafür, dass sich Spätaussiedler von der Gesellschaft nicht angenommen fühlen. Dies berge das Risiko, dass sich junge Leute mangels Anschluss an die Gesellschaft in Drogen oder Kriminalität flüchten.
Kurioserweise kann niemand genau sagen, wie viele Russlanddeutsche in Dresden leben. Der Ausländerbeirat des Rathauses geht von 8000 Menschen aus, das Sozialamt rechnet mit 3000. Seit der Wende weist das Regierungspräsidium Chemnitz jährlich rund 300 Rußlanddeutschen Dresden als Wohnort zu.
Von den mehr als 1000 Mitgliedern der «Kirche des heiligen Simeon vom wunderbaren Berge», Dresdens einziger russisch-orthodoxer Gemeinde, kommen gut 900 aus Russland. Im vergangen Jahr wurden 50 Babys die Taufe nach orthodoxem Ritus getauft. Mit 499 Männern und Frauen bilden Russlanddeutsche die weitaus größte Gruppe innerhalb der 557 Mitglieder umfassenden jüdischen Gemeinde Dresdens. Die Mehrzahl der 40 Sänger des einzigen Aussiedler-Chores INA lernten Russisch noch als Muttersprache.
Die Geschäftsleute haben sich mittlerweile auf die Wünsche ihrer Kunden eingestellt, die auch zahlreich unter den Deutschen zu finden sind. Ein halbes Dutzend Restaurants in Dresden laden zu russischen Leckereien. Läden mit Namen wie «Isbuschka» (Birke) oder «Wostok» (Osten) offerieren russische Waren. Fliegende Händler versorgen die Bewohner der Aussiedlerheime mit Produkten aus der alten Heimat. Sogar Heiraten nach traditioneller Sitte kann man mit einem russischen Heiratsservice.

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
Fenster schließen
Drucken