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Deutsche Presseagentur dpa; Oktober 2005

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Soziales/Kinder/
(Zusammenfassung - dpa-Gespräch)
Kinderschutzbund: «Vererbte Armut» in Sachsen auf dem Vormarsch =

Dresden (dpa/sn) - Die Vererbung von Armut in Familien wird sich nach Ansicht des Kinderschutzbundes in Sachsen ausbreiten. «Die unumkehrbare soziale Differenzierung durch Verarmung ist im Osten in vollem Gange», sagte der Vorsitzende des Kinderschutzbundes Sachsen, Jost Schönfelder, in einem dpa-Gespräch. Das Phänomen umfasse sowohl finanzielle als auch Beziehungsarmut und beträfe alle sozialen Schichten. «Hartz IV beschleunigt die Prozesse.»

Kinder von Familien, die von Hartz IV betroffen sind, hätten
weniger Chancen auf Erwerb von Bildung und Sozialkompetenz. «Der Kauf von Materialien wie wissenschaftliche Taschenrechner überfordert die Eltern finanziell», betonte Schönfelder. «Die Chancen auf den Besuch des Gymnasiums sind damit Null.» Zunehmend würden Großeltern helfen. Von den unter 15-jährigen sind sachsenweit 22,4 Prozent von Hartz IV der Eltern abhängig.

Mit «fadenscheinigen Begründungen» würden betroffenen Kinder
häufig auf Klassenfahrten verzichten. «In Wahrheit fehlt das Geld», sagte Schönfelder. Mangelnde Ausrüstung für Hobbys schließe sie oft von außerschulischen Aktivitäten wie Sport aus. Pro Monat stünden Kindern von Hartz IV-Empfängern 1,68 Euro für «Verbrauchsmaterial» zu. Allein Unterrichtsbedarf zu Schuljahresbeginn wie Zirkel und Arbeitshefte schlage mit bis zu 80 Euro zu Buche.

«Was es für die Persönlichkeitsentwicklung bedeutet, wenn Kinder oft bei Fördervereinen betteln müssen, kann man sich ausmalen», sagte Schönfelder. Die Zahl entsprechender Anträge sei gestiegen. Armut fördere auch Krankheiten. Mittelose Eltern würden oft billige - und damit fettreiche - Nahrung wählen und so Übergewicht und Bewegungsmangel begünstigen.

Beruflich gestressten Paaren fehle dagegen Zeit für ihre
Sprösslinge. «Ich bin meinen Eltern im Wege. Besser, ich wäre nie
geboren, klagen immer mehr Kinder an unserem Sorgentelefon», warnte Schönfelder. Die Zunahme kollektiver Teenager-Suizide seit der Wende spiegle diese Tendenz. «Wenn Kinder merken, dass ihre Eltern sie nicht unterstützen können, ziehen sie sich oft zurück.» Die Familie sei Gegenstand etwa jedes sechsten Telefonates der rund 88 000 Anrufe beim Kinder- und Jugendtelefon im vergangenen Jahr.

«Einen anderen Ausweg sehen Jugendliche in eigener Elternschaft», sagt Schönfelder. Die «Möglichkeit zur Flucht aus der Herkunftsfamilie» ist Hauptgrund, belegt eine aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Zahl der Teenagerschwangerschaften in Sachsen hat sich zwischen 1993 und 2002 verdoppelt. Schönfelder: «Damit werden neue Probleme geschaffen und weiter gegeben.»

(Achtung: Der Kinderschutzbund in Dresden ist unter der Telefonnummer 0351/4222515 zu erreichen - Achtung: Dieser Hinweis ist nicht zur Veröffentlichung bestimmt.)

(Internet: www: kinderschutzbund-sachsen.de)

dpa aq yysn su
200500 Okt 05

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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